Die Weltmeisterschaft ist vorbei, aber sie hat uns wieder einiges beigebracht. Nämlich wie Menschen auf etwas reagieren, dass sie nicht kennen, dass sie nicht fassen können. So etwas wie Schiedsrichter. Gleichzeitig hat sie uns aber auch gezeigt, wie man das ändern kann und was Unternehmen daraus lernen können.
Es ist so viel einfacher, ein anonymes Unternehmen zu beschimpfen als eine Person, die man letzte Woche auf einer Party getroffen und mit der man sich sogar gut unterhalten hat. Man meckert eher über “DIE Bahn” als über @PeterMüller, Service-Leiter Kundenorientierung (Name nicht real), der einem bei Twitter schon einmal einen Retweet “geschenkt” hat, man macht sich weniger schnell über Fehler des Gasanbieters lustig, wenn man mit jemanden dieses Unternehmens letzte Woche bei einem informellen Treffen (wie der Twittnite) ein Bier getrunken hat. Eine engere persönliche Beziehung kann in vielen Fällen dafür sorgen, dass sich Menschen unfairer(!) Kritik enthalten.
Ein fantastisches Beispiel ist der Film “Referees at work“, eine Reportage über die Schiedsrichter bei der Fußball-Europameisterschaft 2008. Sie zeigt sehr persönliche Momente der Schiedsrichter mit ihren Angehörigen, ihre Sorgen vor und Bedenken nach einem Spiel, dringt über Mitschnitte aus dem Funkverkehr während der Spiele in eine Welt ein, die Fußball-Fans bisher nicht erleben durften. Der Schiedsrichter, die “schwarze Sau”, das Feindbild Nummer eins, wird plötzlich zum Menschen, bei dem es vom einen auf den anderen Moment schwerer fällt, ihn während eines Spiels zu beschimpfen. Plötzlich ist es nicht mehr eine anonyme Masse, die man beschimpft, sondern eine einzelne Person, die man mit Namen kennt, von der man weiß, dass sie einen Vater hat und der nach dem Spiel – ganz wie man selbst – ein Bier trinken geht.
Für Unternehmen sollte es deshalb zukünftig ein Thema sein, sich mehr zu personalisieren, transparenter und offener zu werden. Dies kann u.a. dadurch geschehen, indem man Mitarbeiter unterschiedlichster Bereiche und Ebenen in sozialen Netzwerken aktiv werden lässt. Dies kann durch Twitter-Accounts geschehen, Facebook-Gruppen mit personalisierten Administratoren, Xing-Gruppen, Foren und und und. Am erfolgreichsten im zwischenmenschlichen Bereich haben sich dabei diejenigen erwiesen, die Beruf und private Interessen vermischen und sich nicht hinter dem Deckmantel des Unternehmens verstecken. Allein schon die Bemerkung “Nur der HSV” kann dazu führen, Gleichgesinnte zu treffen, die ebenfalls Anhänger des Hamburger Sportvereins sind.
Für Unternehmen und Mitarbeiter ergibt sich aus dieser Konstellation eine Win-Win-Situation: Das Unternehmen gewinnt durch das Engagement des Mitarbeiters an Profil, Offenheit und Glaubwürdigkeit, während der Mitarbeiter von dem Namen, dem Ruf und dem Multiplikator-Effekt des Unternehmens profitieren und damit sein Personal Branding stärken kann. Schließlich ist “Martin Schmidt” als offizieller Repräsentant einer Bank z.B. als Kontakt wesentlich interessanter als einfach nur “Martin Schmidt, Hamburg”. Auch durch die Vernetzung mit weiteren Accounts in Social Media kann der Mitarbeiter profitieren, indem z.B. der Firmen-Twitter-Account auf ihn verlinkt und damit als relevante Quelle definiert.
Unternehmen sollten jedoch im Gegenzug darauf achten, dass der Ruf eines Mitarbeiters auch negativ auf die Firma zurückfallen kann. Deshalb sollten die Mitarbeiter gut geschult und über eventuelle Problematiken aufgeklärt werden. Ebenfalls sollten sich Firmen nicht von einer einzigen Person dahingehend abhängig machen, dass durch deren Weggang eine Lücke im Netz entsteht, die niemand schließen kann.
Um noch einmal auf das Beispiel der Schiedsrichter zurückzukommen: Meiner Meinung nach gab es kaum eine schlechtere Entscheidung der FIFA, als die Referees im Vorfeld der Weltmeisterschaft unter kollektives Sprachverbot zu stellen. Dadurch wurden sie entmenschlicht, auf die Position auf dem Spielfeld reduziert und damit erst recht zur Zielscheibe von Anfeindungen gemacht. Lasst sie menscheln, lasst sie reden, lasst sie von mir aus auch schimpfen. Es würde dem Sport nur guttun.
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Lieber Markus, schöner Artikel. Und der Film ist wirklich sehenswert!