Shakespeare oder Smilie? Von der Tinte zur Tastatur

Schnell, schneller, Twitter. Der Micro-Blogging-Dienst, mit dem man 140 Zeichen verschicken kann, erhöht das Tempo, mit dem Nachrichten versendet und empfangen werden können. Es dauert nur noch wenige Sekunden, bis eine Meldung getippt ist und im Internet erscheint. Mit höherem Tempo wächst jedoch bekanntlich auch die Fehlerquote, und so ergeben sich nicht nru zalhreiceh Rechtspreibfelher, sondern es nimmt auch eine flapsige Art in der Schreibweise zu.

Als die Welt noch schwarz-weiß war und das Brötchen 9 Pfennig kostete, gab es noch handgeschriebene Briefe (der eine oder andere wird sich erinnern). Man schrieb sie (und nein, trotz gegenteiliger Meinungen heißt es nicht “schrub”) mit einem Tintenfüller, und man nahm sich Zeit dafür, denn der Adressat wollte beeindruckt werden. Wie viele halbgeschriebene Liebesbriefe sind wohl im Laufe der Zeit im Papierkorb gelandet, weil ein “du strahlst wie der Mondschein” nicht das war, was der Angebetenen gerecht zu sein schien. Wie viele Bleistifte wurden abgekaut, weil die griffige Formulierung “mit Bedauern musste ich feststellen” für einen Brief aus dem Urlaub doch nicht ganz passte.

Nach dem Brief kam die E-Mail, und die saloppe Schreibe nahm Einzug in den Schriftverkehr. Anreden wurden “vergessen”, Smilies ersetzten erklärende und oft umständliche Formulierungen, um Ironie in Sätzen deutlich zu machen, und Verabschiedungen “mit freundlichem Gruß” fielen der Hektik dem Stress ohne Grund zum Opfer.

Den Höhepunkt der schriftlichen Nachlässigkeit bot kurzzeitig das “Chatten” – neudeutsch “Instant Messaging” – das spätestens seit Einführung der sozialen Netzwerke wie Facebook wieder en Vogue ist. Dies ist jedoch eine Sonderform, da diese Kommunikation der mündlichen Konversation sehr nahe kommt und es am Ende auch kein “Gesprächsprotokoll” gibt. Nach dem Motto “Hin und weg” sind diese Wortfetzen nach Beenden der Verbindung meist unwiderruflich verloren. Und das ist auch gut so. (Skype, ICQ etc. speichern zwar ein Gesprächsprotokoll, aber schaut da jemand später noch mal rein?)

Dann kam das Bloggen, und – was soll ich auch anderes sagen – nun nahm man sich wieder etwas mehr Zeit. Denn der Text war zwar nicht persönlich an eine Person gerichtet, sollte aber doch so geschrieben sein, dass man sich zwei Tage später nicht darüber ärgert. Denn Löschen soll man Blogbeiträge bekanntlich nicht. (Warum eigentlich? Ist meine Seite, damit kann ich doch machen, was ich will. Aufklärung erwünscht)

Nun also Twitter. 140 Zeichen, schnell hingerotzt, nicht drüber nachgedacht, Internet zugemüllt. Das die einhellige Meinung vieler. Und? Stimmts? Wie lange habt ihr (solltet ihr twittern) über euer letztes Status-Update nachgedacht? Oder besser, habt ihr euch überhaupt Gedanken gemacht? Vielleicht am Ende gestoppt und das Ganze Korrektur gelesen? Es sind 140 Zeichen, so lange kann das nicht dauern. Es scheiden sich hier mal wieder die Geister: der eine denkt scheinbar tagelang nach, um besonders witzig und intelligent rüberzukommen, der andere haut halt raus, was ihm gerade in den Sinn kommt. Ich selber liege wahrscheinlich in der Mitte. Dass es nicht jedesmal Shakespeare zum Ruhm gereichen kann, ist klar. Zurückdrehen lässt sich das Rad nun nicht mehr. (Will das überhaupt jemand?) Es gibt neue Kommunikationsformen, und es wird in Zukunft weitere geben. Was wir daraus machen, steht uns frei.

Wie seht ihr das: Stört ihr euch am Schreibstil anderer? Muss jede E-Mail Anrede und Gruß beinhalten? Oder ist das total übertrieben, wenn ich jemandem nur “Danke” sagen möchte? Oder kommt es Ende einfach auf das Medium an, wie viel Arbeit ich mir mit einem Text mache?

Disclosure: Manche könnten diesen Beitrag als Werbung/PR/sonstiges für ein Produkt halten, dass meine Firma herausgibt. Ist es nicht, aber es hat mich inspiriert. Deshalb setze ich auch keinen Link.

3 Responses to “Shakespeare oder Smilie? Von der Tinte zur Tastatur”

  1. Ich glaube, viele bemerken es nicht, dass sie “Kurz-Emails” wie Instant-Messages schreiben, ohne ‘Hallo’, ohne ‘Tschüss’. Ohne langes Ta-ra, nur das Wichtigste, für “Deko-Text” bleibt keine Zeit.
    Manchmal vielleicht ganz nützlich, eigentlich aber sehr schade.

    Bei Twitter macht man sich vermutlich eher noch Gedanken darüber, was man (inhaltlich) schreibt als darüber, wie (fehlerfrei) man es schreibt.

  2. Nützlich ist es bestimmt, höflich dagegen eher nicht. Bevor man E-Mail-Tennis spielt und sich 10,12 Nachrichten hin- und herschickt, sollte man vielleicht doch eher zum Telefonhörer greifen.

  1. Der Betreff ist Programm « Felis_Wor(l)d
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