Letztlich war ich wieder im Keller unten und habe in längst vergessenen Kisten gestöbert. Wie lange mag das Zeug hier schon gelegen haben? Und was ich da für Schätze gefunden habe: Die alte Gitarre, der ich die ersten (schrägen) Töne entlockt hatte. Einen Stoff-Hund, den ich als Kleinkind geschenkt bekommen habe und der mich viele Jahre lang durch dick und dünn begleitet hat. Ein Foto-Album, das Bilder enthielt, derer ich mich vor einigen Jahren sicher geschämt hätte. Aber heute? Heute erinnern sie mich an wunderschöne Zeiten. Kann das eine DVD auch?

Hat eine DVD einen Geruch, der in deinem Kopf einen Gedanken an einen traumhaften Moment auslöst? Erinnert einen eine Festplatte an den ersten Kuss? Digitales lässt uns leider so viel vergessen, obwohl es doch unsere Erinnerungen auf ewig speichern sollte. Haptik spielt in unserem Leben eine dermaßen große Rolle, dass man es schnell als normal annimmt und vergisst. Ein Foto (so richtig echt, auf Papier und so) der ersten Party als Jugendlicher, auf der man Alkohol trinken durfte musste getrunken hat, kann einen in Sekunden wieder in Gedanken an diesen Ort versetzen. Und heute? Greife ich in mein Regal und finde 137 CDs und DVDs, die mir alle nichts sagen. “Fotos 1998″ steht auf der einen, “Bilder Urlaub 2001″ auf der anderen. Und dass ich sie erst ins PC-Laufwerk stecken muss, um herauszufinden, welche Geschichten sich dahinter verbergen, begeistert mich ebenfalls nicht. Nur um nach 20 Minuten zu merken, dass ich sie falsch beschriftet habe oder doch den Urlaub im Jahr 2002 und nicht 2003 meinte.

[singlepic id=124 w=320 h=240 float=]

Festplatten werden größer, die Bilder (leider) auch. Also kann ich immer größere Festplatten kaufen, mit der Gefahr, dass sie kaputt gehen und alle Erinnerungen verschwunden sind. Ich kann aber auch alles auf DVD brennen, meine Sammlung alphabetisch/chronologisch ausrichten und sie in Watte packen. (da nur kleinste Kratzer dafür sorgen könnten, dass das Foto von 1995, auf dem ich auf Formentera mit Rasierschaum “Italia” vor die Römisch-bewohnte Behausung sprühte, zu einem Pixelwust verkommt). Ich kann bei flickr und Co. einen Profi-Account einrichten lassen und für 20 Euro im Jahr meine Bilder auf ewig speichern lassen. Was, wenn die mal pleite gehen? Ist dann alles weg?

[singlepic id=125 w=320 h=240 float=]

Fotos verblassen auch, ich weiß. Doch ist ein Foto von 1912, im mattbraunen Design, mit kleinen Kratzern drauf, nicht schon eine Geschichte für sich? Wenn ich zu meinen Freunden gehe und ihnen Fotos zeigen möchte “Schaut mal, ich hab hier ein paar Bilder auf meinem iphone”, dann sind sie darüber erstaunt, dass sich das Foto dreht, wenn man den Bildschirm bewegt, das eigentliche Motiv interessiert sie dagegen nicht. Wenn ich dagegen Bilder auf hochglänzendem Gold-Papier hervorhole und sie einzeln weitergebe, dann beschäftigen sie sich damit. Und ich nehme diese Bilder, packe sie in ein Album und erfreue mich jedes Mal daran, wenn ich wieder danach greife. Spielereien wie Fotobücher finde ich auch großartig, tolle Geschenke zum Beispiel nach einer Hochzeit für die Gäste, die nicht daran teilnehmen konnten. Ich kann natürlich auch einen Link schicken: “Klickt diesen Link und schaut euch unseren schönsten Tag an.” Naja, und ich klicke mich so durch. Ein Buch dagegen, dass ich in die Hand nehmen kann und sich ein Kreis um mich bildet, weil jeder gleichzeitig sehen möchte, wenn die Braut stolz von ihrem “Ja” erzählt…

Ich trage den Großteil meiner Erinnerungen täglich in Form meines Laptops mit mir herum. Und natürlich freue ich mich, wenn ich anderen Momente meines Lebens zeigen kann, die mir selber etwas bedeuten. Und doch wird der Ausdruck des anderen nie diesen Glanz bekommen, als wenn ich ihm ein Foto aus meinen Händen in seins lege und sage: “Hier, schau es dir an.” 

Ach ja: Fotos brauchen übrigens auch keinen Strom.

No related posts.

Ähnliche Artikel bereitgestellt von Yet Another Related Posts Plugin.