“Print ist tot.”
Wer das sagt, hat wohl noch nie ein E-Book am Rechner gelesen. Geht es nur mir so, oder werden wir uns daran erst gewöhnen müssen, stundenlang gebannt auf den Bildschirm zu starren, in unbequemer Haltung oder einen schweren Laptop auf dem Schoß? (Arbeiten ist damit übrigens nicht gemeint) Ganz ehrlich, solange es den Kindle nicht in Deutschland gibt und der Akku nicht eine Ewigkeit hält (schon mal im Flugzeug auf einem Transatlantikflug eine Steckdose gesucht?), werde ich Bücher aus Papier lesen.
Bücher haben so viele Vorteile. Vom “Damit-eine-Fliege-erschlagen” mal abgesehen, ärgert man sich weniger darüber, wenn man mal ein Glas Wasser über ein Buch kippt, als dass man sein neuestes Technik-Spielzeug unter Wasser setzt. Die Startzeit eines Buches ist unschlagbar, ich kann es überallhin mitnehmen, und wenn ich es mal vergesse, kann ich mich immer noch für den freuen, der es findet. Vom Strandeinsatz und dem vielen Sand in elektronischen Geräten ganz zu schweigen…
Seit ich in Hamburg wohne, habe ich einige Bücher verschlungen. Das liegt weniger an dem fehlenden Freizeitangebot der Stadt als vielmehr an den langen Zugfahrten sowie der Erkenntnis, dass das deutsche Fernsehen auch nicht wirklich besser wird. Nach etlichen Stunden Laptop auf der Arbeit bin ich hin und wieder ganz froh, abends nicht auch noch auf einen Bildschirm starren zu müssen.
Und da heute auch noch zufällig Welttag des Buches ist (Danke an @kritikfunktion, der mich darauf aufmerksam gemacht hat), zeige ich hier und jetzt eine kleine Auswahl der Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen habe:
E-Mail an alle
Ein Buch nur über E-Mails? Und dann auch noch in einer Werbeagentur? Die Zielgruppe scheint dadurch mehr als begrenzt, und tatsächlich werden Branchenkenner wesentlich mehr Spaß an den Verwirrungen, Konflikten und Intrigen haben als die, die Grey für eine Farbe und TBWA für eine Fluglinie halten. Im Großen und Ganzen geht es darum, dass eine Agentur versucht, Coca-Cola als Kunden zu gewinnen. Das an sich ist schon schwer genug, würden nicht alle Protagonisten gegeneinander kämpfen, wer den besten Job bekommt, seinen Konkurrenten ausspielt und wer mit wem schläft. Ein großer Spaß, auch wenn man diese Geschichten weniger aus eigener Erfahrung denn aus Geschichten derjenigen kennt, die davon erzählen wie Werbung in den 80ern wohl einmal gewesen war.
Traumschiff Titanic
Douglas Adams war zu Lebzeiten – nicht nur für mich – einer der ganz großen Science-Fiction-Autoren. Mit seinem “Per Anhalter durch die Galaxis” schuf er ein Meisterwerk, das von der BBC großartig trashig verfilmt wurde, als Hollywood-Streifen leider nur noch trashig. “Traumschiff Titanic” haut in die gleiche Kerbe, mit dem Unterschied, dass Terry Jones, einer der Gründer von Monty Python, daran mitschrieb. Adams und Python… Mein Gott, was für eine Kombination. Leider ist das Buch dennoch nicht der Überknaller, für den man es halten könnte. Immerhin, schlecht ist es nicht, langweilig sowieso nicht und Witze funktionieren im englischen Original eh besser.
Worum gehts? Um das beste, größte, schnellste, fantastischste Raumschiff aller Zeiten. Bei dem aufgrund von finanziellen Problemen hier und da etwas gemauschelt werden musste. Damit dieser Pfusch nie ans Licht kommt, denkt sich der Verantwortliche den größten Versicherungsbetrug aller Zeiten aus. Nur dumm, dass mit dem Architekten, einem neugierigen Journalisten und einem Papageien ein paar blinde Passagiere an Bord kommen und diesen Plan gehörig ins Wackeln bringen. 250 Seiten und große Buchstaben ergeben zusammen etwa vier bis fünf Abende voller Spaß.
Die Bibel nach Biff
Ein Buch über Jesus…. Hatten wir das nicht schon mal? Ja, aber leider hat die Bibel die wahrscheinlich spannendsten 30 Jahre des bekanntesten Christen unterschlagen. Zum Glück gibt es seinen besten Freund Biff, der – vom Erzengel zum Leben erweckt – die ganze Geschichte erzählt. Vieles hätte man jedoch besser gar nicht erst gewusst. Wie Jesus die Fähigkeit entdeckte, Tote zum Leben zu erwecken (aber den Schimmel auf ihrer Haut nicht entfernen konnte) und die einzig große Liebe seines Lebens fand. Für Bibelkenner mit Humor wahrscheinlich eines der lustigsten Bücher, das sie je zwischen die Finger bekommen werden. Für diejenigen mit leichten Mängeln in Religionslehre dagegen ein echter Anreiz, das neue Testament mal wieder in die Hände zu nehmen. Trotz seines Umfangs ist das Buch immer unterhaltsam, oft scharf oberhalb der Schmerzgrenze (zumindest für stark gläubige Christen) und beschreibt die Gegend und die Menschen so, wie man sie sich nie vorgestellt hat.
Fleisch ist mein Gemüse
Mit riesen Vorschusslorbeeren ging ich an dieses Buch. Ein Fehler, denn wie jeder weiß, kann es dann nur noch schlechter werden. Heinz Strunk schreibt semi-autobiografisch über sein Leben als junger Mann, von Akne, seiner kranken Mutter, von Alkohol- und Spielsucht. Themen, die bei mir beim Lesen eher depressiv gewirkt haben als komisch. Schade eigentlich, denn das Werk ist munter geschrieben, mit viel Liebe zum Detail und zum damaligen (80er) Leben. Und als ehemaliger Musiker kann ich bei mehr als nur einem Bericht über maulende Gastgeber, Party-/Tanzmusik und Zahlungsschwierigkeiten nach dem Auftritt zustimmend schmunzeln. Insgesamt war es mir aber zu traurig geschrieben, so dass ich es nur wahren Heinz-Strunk-Fans empfehlen kann.
Mieses Karma
Ein Buch, dass ganz oben auf der Spiegel-Bestsellerliste stand. Warum, war schon nach dem Lesen der ersten Seiten klar. Das gibt man erst wieder aus den Händen, nachdem man es durch hat. Und das geht schnell. Denn die Geschichte der Moderatorin Kim, die von einem Satelliten erschlagen wird und daraufhin ihre nächsten Leben inkarniert als Ameise, Kuh und Hund verbringen muss, ist so schön kurzweilig geschrieben, dass es leicht fällt, sich darin zu verlieren. Dass es in Wirklichkeit darum geht, seine Mitmenschen zu respektieren und Gutes zu tun, geht in den vielen urkomischen Momenten beinahe unter.
Update: Zum Welttag des Buches haben sich ein paar Guerilla-Aktionäre zusammengetan und verschenken großzügig Bücher.
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Bücher haben etwas an sich, über das nicht einmal MacBooks verfügen: Karma. Ich gehe so häufig in Buchläden und fühle mich darin ungleich wohler als bei Gravis oder selbst im MacStore.
Leider versteht es die Buchbranche bisher kaum, die Hebel des Internets für sich einzusetzen. Und damit meine ich weniger das Lesen als Crowdsourcing.
E-Mail an Alle habe ich im letzten Urlaub gelesen und sofort einem Bekannten empfohlen, der Dir auch nicht unbekannt sein dürfte. Herrlich geschrieben und nicht schlechter als 39,90.